Elektroauto als Klima-Retter? Studie entlarvt globale Fehleinschätzung

FOCUS-Online-Redakteur

 

Donnerstag, 13.07.2017, 08:33

 

Deutsche Autohersteller müssen ihren CO2-Ausstoß bis 2030 laut einer Studie viel stärker reduzieren als gedacht. Brisant: Wegen des deutschen Energie-Mixes helfen Elektroautos beim CO2-Ziel kaum weiter. Noch peinlicher wird es aber für China.

 

Die Unternehmensberatung Arthur D. Little sieht in einer Studie enorme Herausforderungen auf die Autoindustrie bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes zukommen. Weil die Automobilflotte nach Einschätzung der Marktbeobachter bis 2030 um 28 Prozent ansteige, müsse der CO2-Gesamtausstoß der deutschen Auto-Flotte um fast die Hälfte (46 Prozent) im Vergleich zu 2005 sinken - von 189 Gramm CO2 pro Kilometer auf 103. Eigentlich vorgesehen im Pariser Klimaschutzabkommen war eine Senkung um 30 Prozent bis 2030. Diese reicht nun aber laut der Einschätzung von Arthur D. Little eben nicht mehr aus.

 

Flotten-Wachstum erschwert CO2-Problematik

 

Die Studie errechnet den CO2-Ausstoß dabei nicht mit offiziellen Herstellerdaten, sondern anhand von realen Verbrauchswerten, die unter anderem der ADAC in seinen Fahrzeugtests ermittelt.

 

Der Anstieg des CO2-Ausstoßes von Autos hat verschiedene Ursachen, die in der Studie nicht alle erläutert werden. Einer davon ist natürlich die Vorliebe für SUV, verbunden mit stärkeren Motoren und entsprechend höherem CO2-Ausstoß. Aber auch der aktuelle Trend weg vom Dieselmotor trägt zur Erhöhung des Flotten-Ausstoßes bei, denn Dieselmotoren sind beim CO2-Ausstoß umweltfreundlicher als Benziner.

 

Selbst in diesem Punkt scheiden sich allerdings die Geister. So stellt der Umwelt-Forschungsverbund ICCT fest : „Auf Flotten-Ebene - über alle Fahrzeugsegmente hinweg - sind die durchschnittlichen CO2-Emissionen neuer Diesel- und Benzinfahrzeuge nahezu identisch. Die Effizienzvorteile werden häufig durch eine höhere Motorleistung und höheres Gewicht der Dieselfahrzeuge aufgezehrt", so der ICCT. Der Forschungsverbund ist allerdings nicht ganz unvoreingenommen, denn er kämpft bereits seit Jahren massiv gegen den Dieselmotor.

 

Deutsches Elektroauto enttäuscht beim CO2-Einsparpotenzial

 

Unabhängig von dieser Thematik macht die Studie von Arthur D. Little deutlich: Die Einsparbemühungen der Autoindustrie reichen nicht aus. Um die CO2-Ziele zu erreichen, werden diejenigen Nationen, die das Pariser Klimaschutz-Abkommen nicht nur unterzeichnet, sondern auch einer Reduktion der Treibhausgase zugestimmt haben, also nicht umhinkommen, zu radikalen Maßnahmen zu greifen - es sei denn, sie können ihren Strom möglichst CO2-arm produzieren. Denn - so ein weiteres Ergebnis der Studie: Das Elektroauto hilft bei den Klima-Zielen nur minimal.

 

"Das Elektroauto kann bei dem aktuellen Energiemix vieler Autonationen - so auch Deutschland - kaum zur Klimarettung beitragen. Gerade mittelfristig müssen Hersteller erwägen, die Optimierung von Verbrennungsmotoren weiter voranzutreiben und somit die Bilanz ihrer Flotten zu verbessern", heißt es in der Studie. Grund ist der unterschiedliche Energiemix, der bei der CO2-Bilanz von Elektroautos beachtet werden muss. Hier haben Länder mit Atomkraft (etwa Frankreich) einen großen Vorteil, Länder mit einem großen Einsatz fossiler Energieträger (etwa China oder die USA) dagegen einen Nachteil.

 

Auf die Stromerzeugung kommt es an

 

Das zeigt eine Gegenüberstellung der CO2-Emissionen verschiedener Einzelfahrzeuge und Durchschnitts-Fahrzeuge mit Verbrennungs- und Elektromotoren:

 

BMW X5 xDrive30d: 225 Gramm CO2 / km

BMW 316d: 130 g/km

Tesla Model S (deutscher Strommix): 128 g/km

Audi A2 1.2 TDI: 93 g/km

Elektroauto in Ost-China: 167 g/km

Elektroauto in den USA: 122 g/km

Elektroauto in Deutschland (deutscher Strommix): 91 g/km

Elektroauto in Frankreich (französischer Strommix): 12 g/km

Elektroauto mit erneuerbaren Energien (Deutschland): 7 g/km

 

Interessant ist dabei, dass ein extrem sparsames Auto wie der Audi A2 TDI (gebaut von 1999 bis 2005) in der CO2-Bilanz fast genauso gut abschneidet wie ein Elektroauto. Das Optimum freilich wäre ein ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien gespeistes batterieelektrisches Auto. Von diesem Zustand ist aber gerade Deutschland weit entfernt.

 

Grünes Vorbild China?

 

Deutschland ist nicht das einzige Land, in dem der Elektro-Hype unsanft mit der Realität kollidiert. Vor allem für China, das auch von einigen deutschen Politikern als leuchtendes Beispiel für den Schwenk hin zum Elektroauto dargestellt wird , ist die Betrachtung der CO2-Bilanz eher peinlich - mit 167 g/km kann ein Stromer dort nicht mit effizienten Verbrennern mithalten. Die Chinesen setzen vor allem wegen der lokalen Luftverschmutzung aufs Elektroauto; für den Klimaschutz taugen die Stromer aufgrund der starken Nutzung fossiler Energieträger derzeit nicht. Parallel dazu setzt China auf Atomkraft, wie viele andere Industrienationen auch. Aber nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Kohlekraftwerken. Und es geht nicht zuletzt um wirtschaftliche Interessen: Indem die Chinesen die Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors einfach "überspringen", verschaffen sie sich einen internationalen Wettbewerbsvorteil.

 

Dass die Europäer gerade auf breiter Front den Dieselmotor beerdigen, spielt den chinesischen Autoherstellern in die Hände. Sie versuchen mit verschiedenen Herstellern, darunter Geely, Lynk & Co oder Borgward , den europäischen Markt mit Elektroautos zu erobern, weil das mit herkömmlichen Fahrzeugen nicht geklappt hat. Unverständlich ist dabei, wie die Gesamtbilanz der Fahrzeugproduktion eines Elektroautos übersehen wird : Die Fahrzeuge inklusive Batterien werden - mit dem bereits beschriebenen, nicht gerade Klima-freundlichen Energiemix - in China in Bausätzen produziert, dann ebenfalls Energie-intensiv nach Deutschland verschifft und dort zusammengesetzt. Dann fahren sie auf deutschen Straßen, "betankt" mit dem deutschen Energiemix und staatlich gefördert mit einer Kaufprämie.

 

Fazit: Es braucht extreme Maßnahmen

 

Doch wie sieht eine bessere Lösung aus? Während die USA am Pariser Klimaschutz-Abkommen nicht weiter festhalten wollen, weil es nach Meinung der US-Regierung zu unspezifisch ist und vor allem der wirtschaftlichen Benachteiligung der großen Industrienationen zugunsten anderer Länder diene, sehen sich die verbliebenen G20-Länder einer Mammut-Aufgabe gegenüber. Abgesehen vielleicht von Frankreich, das wegen seiner Atomkraft die CO2-Ziele leichter erfüllen kann.

Für Deutschland sieht die Studie von Arthur D. Little "radikale

 

Für Deutschland sieht die Studie von Arthur D. Little "radikale Maßnahmen" als erforderlich an, um "signifikante Effekte" zu erzielen. Weiter ausgeführt werden diese Maßnahmen in der Studie nicht. Doch die Optionen liegen auf der Hand:

Wenn man weiter auf das Elektroauto setzen will, geht das im Sinne einer Reduktion von Klima-Gasen nur mit einem massiven Ausbau erneuerbarer Energien, der über die geplante Steigerung noch hinausgeht. Ansonsten wäre selbst  das von den Grünen geforderter Totalverbot aller Verbrennungsmotoren bis 2030 nur eine Förderung für die Elektroauto-Lobby, aber nicht für den Klimaschutz.

 

Verbrennungsmotoren müssen parallel dazu weiter optimiert werden. Hier gibt es noch Potenzial, das allerdings teuer erforscht werden muss.

 

Der Einsatz alternativer Kraftstoffe, etwa der Diesel-Ersatz BlueCrude oder Erdgas, dürfte stärker in den Fokus rücken.

 

Und wenn das alles nicht hilft? Die Zahl der Fahrzeuge in Deutschland insgesamt müsste dann wahrscheinlich drastisch reduziert werden. Neben dem Ausbau des Bus- und Bahnverkehrs sowie Carsharing wird das wohl nicht ohne eine Beschränkung von Neuzulassungen gehen.

 

An der klassischen Autoindustrie würde das natürlich nicht spurlos vorübergehen. Schon der Umstieg aufs Elektroauto wird zahlreiche Arbeitsplätze kosten .  Dieser Trend ist wahrscheinlich nicht aufzuhalten und von den Herstellern bereits einkalkuliert. Verkaufsbeschränkungen für Neufahrzeuge aber dürften dazu führen, dass die Autoindustrie sich komplett umorientiert - und künftig nur noch in Ländern investiert, in denen noch Wachstum möglich ist.

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